****       Sapere aude!        ****        
                 
Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber ein wenig sollten wir ihm schon entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
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"Bei der Wahl zwischen dem Nichts und dem Schmerz wähle ich den Schmerz“

Gerald Wolf, Gastautor/ 03.09.2023 /

Schmerz gehört zu den Grunderfahrungen unseres Lebens, zu den höchst unangenehmen. Schmerz hat aber auch etwas Positives − er erzieht.
Schmerzen, wer kennt sie nicht, diese Piesacker? Da sind der Zahn- und der Kopfschmerz, der Schmerz, mit ansehen zu müssen, wie die Mutter am Brustkrebs verstirbt, wie der Sohn, wie die Tochter etwas Dummes tun, weil sie sich von Anderen vereinnahmen lassen, wie unter dilettantischen Händen der Job flöten geht, ja, das ganze Land. Das alles tut weh, sehr weh, so wie der banale Schmerz, und doch ganz anders. Kürzlich, der Bequemlichkeit halber lief ich ohne Hausschuhe in der Wohnung herum und rammte dann mit dem kleinen Zeh ein Stuhlbein − verdammt, verdammt, verdammt! Ein schwerer Stuhl war‘s, nicht einmal andeutungshalber rührte er sich vom Fleck. Kurze Schreckstarre, und dann beguckte ich mir den Schaden: Der Zehnagel ragte schräg nach oben, ein winziges Tröpfchen Blut sickerte darunter hervor. Ein kleiner Schrei, Wimmern dann, Fluchen und ein paar Meter Probehumpeln. Niemand war da, um mich zu bedauern. Oder, schlimmer noch, sich über mein Ungemach zu amüsieren.
Schmerz gehört zu den Grunderfahrungen unseres Lebens, zu den höchst unangenehmen. Schmerz hat aber auch etwas Positives − er erzieht. Denn seine Botschaft lautet: Pass das nächste Mal besser auf! „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, heißt es in Karl Mays „Schatz im Silbersee“. In meiner Kinderseele waren die Indianer Helden. Dennoch, keine Frage, kennen auch diese Leute das Schmerzgefühl. Nur eben kannte Karl May die Indianer nicht, nie war er auch nur einem von ihnen begegnet. Was in meiner Vorstellung aber für längere Zeit geblieben war, habe ein „echter Indianer“ zumindest gelernt, bei Schmerz keine Miene zu verziehen. Die Frage dann: Kann man sich das Schmerzgefühl, wie mitunter behauptet, abdressieren? Wenn ja, sollte man das überhaupt?


Ein einziges Gen

Tatsächlich gibt es Menschen, die − total oder nahezu − schmerzunempfindlich sind. Von Geburt an. Zu einer regelrechten Berühmtheit brachte es in Italien die Familie Marsili. Sie spüren nichts, wenn sie sich mit den Händen versehentlich auf eine heiße Herdplatte stützen, superscharfe Chilischoten machen ihnen nichts aus. Als sich einer von ihnen einen Arm gebrochen hatte, floss keine Träne. Diese Leute kennen einfach keinen Schmerz. Ursache ist ein Defekt in einem Gen, SCN9A genannt, und dieser führt angeborenermaßen zu einer auffällig geringen Schmerzempfindlichkeit, Hypanalgesie genannt. Diese Besonderheit verhindert in den Zellmembranen die Bildung eines speziellen Typs von Natrium-Ionen-Kanälen (NaV1.7-Kanäle), deren Aufgabe es ist, Schmerzsignale in den Nerven an das Gehirn weiterzuleiten.

Mittlerweile wurde ein solcher Gendefekt auch bei anderen Menschen gefunden. Allesamt sind sie so gut wie schmerzunempfindlich. Ebenso Mäuse, denen dieses Gen experimentell zerstört wurde. Pfiffig, wie echte Forscher sind, wird nun an Möglichkeiten für eine Gentherapie gedacht. Durch gezielte Veränderungen im Bereich des SCN9A-Gens soll Patienten geholfen werden, die unter chronischen und nur schwer behandelbaren Schmerzen leiden.

Schmerz und Schmerz

Zum einen sind da die körperlichen Schmerzen. Ausgelöst werden sie auf vielfältigste Weise − mechanisch oder durch Hitze oder Kälte, durch ätzende Chemikalien, bei einer Entzündung oder durch einen Tumor. Wo auch immer im Körper, es sind spezielle Strukturen, die dafür sorgen, dass Schmerz entsteht − Schmerzrezeptoren genannt. Und dort, wo es dann weh tut, dort auch sitzt er, der Schmerz? In der kleinen Zehe, zum Beispiel, wie eingangs geschildert? Falsch, das Schmerzgefühl wird im Gehirn erzeugt, an der schmerzenden Stelle wird es nur ausgelöst. Zum Beispiel eben auch dort, wo im Herzen ein Infarkt droht, wo der Wadenmuskel oder das Geschwür im Magen beißt. Wird die Weiterleitung des in der Körperperipherie entstehenden Schmerzsignals hin zum Gehirn unterbrochen, bleiben wir schmerzfrei. Umgekehrt der Phantomschmerz. Ein Arm ging verloren, ein Bein, durch einen Unfall etwa oder eine notwendig gewordene Operation, und die Patienten empfinden in dem Körperteil Schmerzen, der gar nicht mehr vorhanden ist. Nein, für die Entstehung des Schmerzgefühls ist allein die dafür zuständige Hirnregion verantwortlich.

Patienten, die unter Schmerzen leiden, ist es egal, wo der Schmerz „sitzt“, sie möchten schnell und so wirksam wie möglich davon befreit werden. Bei Zahnschmerzen hilft die berühmt berüchtigte Spritze. Möglichst noch bevor der Bohrer sein sirrendes Lied anstimmt. Der übrige Körper aber hat währenddessen seine Schmerzempfindlichkeit voll bewahrt, denn die Schmerzspritze wirkt nur lokal. Mit anderen Worten: Nur die Schmerzrezeptoren der jeweiligen Region sind betäubt. Das ist auch dann so, wenn das Zahnmark, die Pulpa, und mit ihr die darin enthaltenen Nervenfasern bereits abgestorben sind. Denn auf sie, die Nervenfasern, kommt es bei der Schmerzentstehung an.
Bei Schmerzen, gleich welcher Art, lieber Schmerzmittel nehmen? Immerhin besteht die Gefahr, dass länger anhaltende Schmerzen chronisch werden und auch dann noch fortbestehen, wenn die Schmerzursache längst überwunden ist. Der Schmerz wird gleichsam gelernt. Andererseits können Schmerzmittel schaden, je nach Art des Medikamentes der Leber, der Magen- und Darmschleimhaut, den Nieren. Bei Kopfschmerz lauert eine zusätzliche Pillenfalle: Kopfschmerz durch Langzeiteinnahme von Mitteln gegen Kopfschmerz! Der Mechanismus, über den die Schmerzmittel wirken, ist je nach Substanzgruppe sehr unterschiedlich. Die Schmerzmittel können an der Stelle ansetzen, von der die Schmerzen ausgehen, oder an den Leitungsbahnen hoch zum Gehirn oder am Ort der Schmerzempfindung im Gehirn. Dasselbe gilt auch für nichtmedikamentöse Formen der Schmerzbehandlung. Sie reichen von der Akupunktur und Akupressur über Kälte- und Wärmeanwendung, von Osteopathie, Elektrotherapie und Massage bis hin zu Chiropraktiken und chirurgischen Eingriffen. Nicht zu vergessen die Psychotherapie.

Die schmerzende Seele

Eingedenk der Tatsache, dass die Schmerzempfindung Hirnsache ist und sämtliche psychischen Qualitäten ebenfalls vom Gehirn erzeugt werden, liegt die psychotherapeutische Schmerzbehandlung auf der Hand. Die Wirksamkeit ist tausendfältig belegt, auch wenn sie nicht garantiert werden kann. Andere Formen der Schmerztherapie können das oft ebenfalls nicht. Der Weg, über den der psychotherapeutische Effekt erzielt wird, ist mit lauter Rätseln gespickt. Die Produktion körpereigener Schmerzmittel aber dürfte durchaus eine größere Rolle spielen. Endorphine sind das, Substanzen, die an denselben Orten im Nervensystem wirken wie das Morphin, der Inhaltsstoff des Mohnsaftes (Opium).
Morphin (früher „Morphium“) ist eines der am stärksten wirkenden Schmerzmittel überhaupt. Chemisch sind die körpereigenen Endorphine zwar ganz anders strukturiert als das Morphin, in der äußeren Molekülform aber stimmen sie überein. Daher auch fügen sie sich unterschiedslos in die molekularen Empfänger (Rezeptoren) auf der Oberfläche von Nervenzellen ein, die für die Schmerzentstehung oder -weiterleitung zuständig sind. Die Endorphine (ein Kunstwort, abgeleitet aus endogenes Morphin) werden vom Nervensystem als Gegenspieler eingesetzt, damit der Schmerz nicht allmächtig wird. Im Kampf oder beim Reißaus darf einen der Schmerz nun mal nicht übermannen.
Wenn der Psychotherapeut mit seinen Methoden an unsere Psyche appelliert, dann wird das indirekt zum Appell an unsere körpereigenen Endorphin-Mechanismen. Ihr Erfolg ist sein Erfolg. Dasselbe gilt bald mehr, bald weniger auch für andere Formen der Schmerztherapie. Ebenso für eine Placebo-Behandlung. Wie sonst sollte zu erklären sein, dass ein Homöopathikum einen schmerzdämpfenden Effekt ausübt, auch wenn es keinerlei pharmakologisch wirkende Substanzen, Analgetika, enthält?
Das gilt gleichermaßen für Handauflegen und das Schmerzwegpusten. Selbst die Wirkung von Analgetika wie auch die Schmerzchirurgie werden zu erheblichen Teilen durch einen Placebo-Effekt ergänzt. Es ist der Glaube an die Wirksamkeit, der in uns Endorphine freisetzt. So die Vermutung. Unterstützt wird sie durch wissenschaftliche Untersuchungen, bei denen unter entsprechenden Testbedingungen die Endorphin-Beladung von Hirnregionen gemessen wurde. Sie war dort höher, wo das Schmerzerlebnis entsteht. Ähnliches gilt womöglich, wenn uns der Liebesschmerz quält oder der Tod eines nahen Angehörigen. Wehe, wenn die Schmerzdämpfungs-Mechanismen nicht zureichen! Auch und gerade in solchen Fällen muss der Psychotherapeut ran.
Umgekehrt gibt es Menschen, die Schmerz mögen. An Masochisten und ihre Schmerzlust ist zu denken, aber auch an jene, die sich auf der Suche nach Kick freiwillig in Situationen begeben, die mit körperlichen Schmerzen einhergehen, ja angstbesetzt an Selbstvernichtung grenzen. Extremsportler zum Beispiel. Und warum, fragt man sich, gibt es so viele Menschen, die Tragödien mögen? Zwar nicht im eigenen Leben, aber in Büchern, im Film oder im Fernsehen. Das Schicksal der Protagonisten schmerzt sie zutiefst, sie weinen um sie. Doch je schmerzlicher die Handlung, umso „schöner“ ist sie. Als Erklärung bietet sich an, dass die Hirnregionen, in denen der seelische Schmerz entsteht, eng benachbart mit denen für das Glücksempfinden sind. Hier können Verbindungsfasern nachgewiesen werden. Nur wenige, aber immerhin. Das mag zu emotionalen Konfusionen führen, die ihren eigenen Reiz haben. Am schönsten, wenn im Zustand größten Glücks die Tränen fließen.

Schmerz der uneigenen Art

Durchaus nicht immer geht es bei Schmerzen um einen selbst. Zum Beispiel, wenn ein Familienmitglied leidet − an einer todbringenden Krankheit oder an einer schweren seelischen Störung. Dann leidet man mit. Desgleichen mit dem Sohn, wenn er in einem Krieg gezwungen wird, an der Front zu kämpfen. Oder wenn die Tochter, der Sohn, ein Enkel auf Abwegen sind, die erfahrungsgemäß früher oder später in die Katastrophe führen. Vielleicht ist sie schon eingetreten, und sie büßen eine Gefängnisstrafe ab?
Von der denkbar edelsten Art mag der Schmerz sein, wenn man für sein Volk oder Land leidet. Weil es von unfähigen, von verantwortungslosen, von korrupten Politikern oder Herrschern ins Verderben gelenkt wird. Auch wenn die Betreffenden unter den Folgen der Unbill selbst gar nicht oder kaum zu leiden haben, nehmen so manche Menschen große Risiken auf sich, einfach um abzuhelfen. Jobverlust drohen ihnen, Ächtung, Gefängnisstrafen oder der Galgen gar. Bei weitem nicht alle Menschen sind bereit, für ihre Mitmenschen Schmerz zu ertragen, wer das tut, ist schon etwas Besonderes.


Das Zitat in der Überschrift stammt von dem amerikanischen Romancier und Literatur Nobelpreisträger William Faulkner