****       Sapere aude!        ****        
                 
Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber ein wenig sollten wir ihm schon entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
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Die Bildungs-Brandmauer
01.02.2026. Von Gerald Wolf

Über die Brandmauer wird allzu oft vergessen, dass es in Deutschland noch eine ganz Reihe anderer, nicht sehr kluger Mauern gibt.
In Chemnitz war es, gegen Ende der vierziger Jahre. Meine Mutter hatte mich, ein kleiner Junge noch, bei der Hand genommen, um Besorgungen zu machen. Überall Ruinen. Schöne Häuser wären das mal gewesen, erklärte sie mir. Einzelne Mauern standen noch. Vor allem Brandmauern. Brandmauern? Sie sollten verhindern, dass ein Brand von einem Haus auf das benachbarte übergriff. Jahre später wurden der Ruinen immer weniger, und mit ihnen verschwanden auch die Brandmauern. Die Ziegel verwendete man zum Ausbau alter Häuser und zum Bau neuer.
Fast vergessen schien die Bezeichnung „Brandmauer“, bis sie aus dem Munde von Friedrich Merz wieder auftauchte. Bei seinem Amtsantritt als CDU-Parteichef 2021 gab er dem Spiegel kund und zu wissen: „Mit mir wird es eine Brandmauer zur AfD geben“. Eine Trennwand, wie sie bisher nur zwischen unmittelbaren Nachbarn üblich war? Tatsächlich, unmittelbare Nachbarn sind sie gewesen, die Unionsparteien und die AfD. Doch das sollte sich ändern. Während die eine Seite, die der AfD, konservativ blieb, wendete sich die andere mehr und mehr nach links. Seit Mai 2025 koalieren die Unionsparteien mit der SPD. Um den Unterschied zu den bisherigen Nachbarn so deutlich wie möglich zu machen, hieß man die konservativ Verbliebenen „rechts“, auch „rechtsextrem“ oder – durch wen auch immer – „‚gesichert‘ rechtsextrem“. Verboten werden sollte die einzig wirkliche Opposition, weil brandgefährlich.

Die Idee „Brandmauer“
mochte bei den Mitgliedern der Unionsparteien zunächst auf Zurückhaltung gestoßen sein, doch bald wurde der Beifall stärker. Denn man brauchte nun nicht länger zu begründen, dass man sich, obwohl genetisch so gut wie identisch, vom Nachbarn unterscheidet, und wieso. Der Hinweis auf die Brandmauer genügte und der auf jene, die sich hinter ihr tummeln: die „Rechtsextremen“ eben. Anders die Unionsparteien. Mit ihrer Leitfigur Angela Merkel ging alles seinen Gang, einen quasi-sozialistischen. Langsam und immer schneller machte sich Deutschland auf den Weg, dem nach unten links, anschaulich vom neuen „Städtebild“ begleitet.
Was eigentlich spricht denn gegen „rechts“, fragt sich manch einer, denn die schlimmsten der politisch motivierten Verbrechen gingen von der linken Seite aus, von Lenin und Stalin, von Mao und, nicht zuletzt, von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), den Nationalsozialisten, den Nazis. Gleichviel, volle Wirkung erzielt, wer die hinter der Brandmauer Verbliebenen „Nazis“ nennt. Und mit ihnen die Bürger, die laut Sonntagsfrage bereit sind, diese Leute zu wählen. Im sozialismuserfahrenen Osten gibt es davon deutlich mehr als im Westen.

Heutzutage steht fast überall „Bio“ drauf, auch wenn Chemie drin ist
Im Prinzip reichen die üblichen Mauern und Zäune aus, seien es solche zur Straße hin oder zum Nachbarn, gegenüber Kollegen oder nervenden Mitmenschen. Zum Beispiel wenn sie versuchen, unsereinem ihre politischen Ansichten überzustülpen. Insbesondere solche, die den staatsnahen Medien entlehnt sind, ohne auch nur Krümel aus eigenem Denken hinzuzufügen. Dieselben werden womöglich von „Kundinnen und Kunden“ sprechen und auch nicht von „Lehrern“, sondern - Partizip Präsens - von „Lehrenden“. Selbst wenn die „Lehrenden“ im Moment ihren Dackel ausführen. Mich, den Autor, drängt es dann, zu Prüfzwecken vom „Bürgerinnen- und Bürgersteig“ zu schwätzen. Wenn das im Auge des Gegenübers zu keinem Blinzeln führt, noch ein, zwei Mauersteine drauf!
Es wird auch gegen Menschen gemauert, deren
Bildungsniveau
sich allzu stark vom eigenen abhebt. Wenn es gar um Technik- und Naturwissenschaften geht, allzumal um deren Grundlagen, dann hilft ein rascher Blick ins Handy nicht. Kenntnisse sind das, die vor Jahren von der Schule in einem Umfang vermittelt wurden, der mit der Zeit immer weiter schrumpfte. Dass Chemie Gift ist, weiß auch heute jeder. Ebenso, dass die Chemie stinkt und knallt. Oder? Werden entsprechende Experimente in der Schule überhaupt noch vorgeführt? Besser also Mauer drum und weg damit!
Heutzutage steht fast überall „Bio“ drauf, auch wenn Chemie drin ist, denn wer Bio nutzt, braucht keine Chemie. Mehr noch, man braucht noch nicht einmal zu wissen, dass unser Körper und sämtliche seiner Eigenschaften und Regungen auf Chemie fußen. Wie die jedes anderen Lebewesens. Wozu überhaupt sollte man wissen, dass Säuren mit Laugen Salz und Wasser ergeben, aber Ester, wenn sie mit Alkoholen versetzt werden?  Falls sich jemand mit solcherart Wissen aufdrängt, von wegen das gehöre auch heute noch zur Allgemeinbildung wie überhaupt die Chemie, dann hat er … ? –recht hat er dann! Wie jedes Bildungssystem, das den Akzent auf die sogenannten MINT-Fächer legt. Sie sind Dreh- und Angelpunkt des heutigen Humankapitals.

Bange werden die Zahlen der jüngsten PISA-Studie erwartet
Wer dagegen mauert, einfach weil die Aneignung der Grundlagen mühsam ist, Fleiß verlangt und Schweiß kostet, mag damit persönlich auskommen. Aber wehe, wenn sich ein ganzes Land diesen Luxus leistet! Es überlässt den Erfolg im Wettbewerb um die vorderen Plätze in Wirtschaft und Wissenschaft den Anderen. Mithin den Wohlstand der ihm anvertrauten – beziehungsweise ausgelieferten – Gesellschaft.
Ein lebendiges Beispiel ist unsere Wirtschaftspolitik. Dazu als typischen Fall die Verschrottung unserer Kernkraftwerke. Deutschland musste mit viel Mühe die Kernkraftwerke beseitigen, die es einst als Garant für die Energieversorgung errichtet hatte. Zu „verdanken“ ist dieser Irrsinn einigen wenigen unserer Politiker. Sie wissen möglicherweise nichts über Physik und Technikwissenschaften. Oder, schlimmer noch, sie wollen davon nichts wissen. Gab es in deren Köpfe eine Mauer gegen die MINT-Fächer? Nie werden Politiker auf ihre fachliche Eignung hin geprüft. Durch wen auch und mit wessen Auftrag?! Kaum einer von denen, die es besser wissen, hat laut genug vor der suizidalen Potenz dieser Laien gewarnt - die Fachleute an den Universitäten und Hochschulen nicht und ebenso nicht die in den Ingenieurbüros. Und unsere Wirtschaft welkt weiter und weiter.
Jeder mag in seinem Kopf nach Herzenslust Mauern und Mäuerchen bauen
und wieder einreißen. Bei Politikern dürfte das Errichten solcher Grenzen und der Versuch, die der Anderen einzureißen, zum Grundhandwerk gehören. Sache der Demokratie ist es, solche Gebilde auf die allgemeine Eignung hin zu prüfen. Unterstützt werden sie dabei durch Mauerspechte, gleichviel ob Profis oder Amateure. In Ländern mit mangelhafter Demokratie werden diese Vögel verjagt, gefangen - ja, getötet. Davon lassen sich Mauerspechte, wenn sie von ihrem Anliegen gepackt sind, nicht abhalten. Sie hämmern immer wieder gegen die Mauern an, um sie auf morsche Stellen hin zu prüfen. Mitunter stürzen sie dadurch in sich zusammen.

Zumeist gelingt das Einreißen von Mauern nicht auf einen großen Ruck hin Nicht wie z.B. in Berlin 1989, sondern bedarf steten Hämmerns. Doch da ist kaum ein Specht, der gegen die Mauer hämmert, die um unsere Bildungsmisere herum errichtet wurde. Meist flattern erst dann ein paar dieser Vögel dagegen an, wenn die PISA-Studie mit neuen Zahlen aufwartet. Bezogen auf die OECD-Länder nehmen deutsche Schüler in den Fächern Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften gegenwärtig (2022) einen mittleren Platz ein. Ihren früheren Vorsprung haben sie verloren. Bange werden die Zahlen der jüngsten PISA-Studie erwartet, die von 2025.
                          Ganzer Schwärme von Mauerspechten bedarf es dann!