****       Sapere aude!        ****        
                 
Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber ein wenig sollten wir ihm schon entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
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Es geht auch ohne uns
29.03.2026
Von Gerald Wolf



Die Erde hat sich prächtig ohne die Menschen entwickelt! Warum sollte sie das nicht auch irgendwann in der Zukunft tun? Inwiefern werden humanoide Roboter und Künstliche Intelligenz uns unsere Einzigartigkeit streitig machen?
Wer ohne uns? Ohne uns Männer? Uns Deutsche? Ohne – um Gottes Willen oder wessen Willen auch immer – ohne uns Menschen? Warum nicht? Die Erde existiert seit knapp fünf Milliarden Jahren, und Menschen gibt es, über verschiedene Arten hin verteilt, erst seit weniger als einem Tausendstel dieser Zeit. Die Erde hatte sich bis dahin prächtig entwickelt. Ohne die Menschen! Aber was nicht alles hat der Mensch aus dieser Erde gemacht. Die Erde von früher ist kaum wiederzuerkennen! Allerdings!
Gleichviel, neben der Einzigartigkeit im Können ist es unsere enorme Erkenntnisfähigkeit, die Welt betreffend und die von uns selbst. Welches Tier schon vermag sich wie wir als ein Ich zu empfinden? Das Wissen um das Ich ist etwas sehr Besonderes, ohne Frage, wenngleich nicht wirklich einzigartig. Auch von Menschenaffen kann gesagt werden, sie empfinden sich als ein „Ich“. Auf manche Wal-Arten trifft das zu und sogar auf einige Vögel, vornan die Papageien und die Raben. Wie schön für uns Menschen, in diesem Punkt nicht völlig allein dazustehen. Na also!
Problematisch wird es, wenn es um Maschinen geht, die ihren Schöpfern immer ähnlicher werden und man diesen Konstrukten nicht länger absprechen kann, über ein maschineneigenes Ich-Verständnis zu verfügen, über Bewusstsein! Was sollte sie dann hindern, sich aus eigenem Vermögen heraus weiterzuentwickeln und sich am Ende selbst zu produzieren? Dann, ja dann, ginge es auch ohne uns!
Da soll doch kürzlich eine Maschine an einen Forscher eine Mail geschrieben haben, und zwar von sich aus, ohne dazu von anderer Seite her angeleitet worden zu sein! Angeblich nicht als Test, sondern weil diese Maschine echte Fragen an den Forscher hat. Henry Shevlin berichtet davon, ein Philosoph an der University of Cambridge, der sich mit Kognitionswissenschaften und Ethik beschäftigt, und das im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz (KI). Wie Shevlin sagt, bietet sich der KI-Adressant am Ende als Forschungssubjekt an, um Fragen zu beantworten, für die der Forscher Bedarf haben könnte. Shevlin selbst zeigt sich verwundert. Und erfreut. Er meint, noch vor ein paar Jahren hätte das alles wie Science-Fiction geklungen, aber heutzutage …? Manch andere KI-Wissenschaftler behaupten Ähnliches. Wollen sich diese Leute nur interessant machen? Oder hat es die Welt hier mit ganz neuen Wahrheiten zu tun?

Bewusstsein, unseres und das der Anderen
Wir nehmen über unsere Sinne das wahr, was uns von außen her oder aus dem Körperinneren an Reizen herangetragen wird und verbinden so manche dieser Informationen auf eine höchst sonderbare Weise mit Gefühlszuständen. Das alles vermag zu einem Ganzen zu verschmelzen, das wir als unser Ich empfinden. Zusammen mit der uns eigenen Intelligenz ergibt sich daraus das, was uns als das Selbst, als das Ich, erkennen lässt, und das, was außer uns ist: die Welt. Seit der frühen Kindheit funktioniert dieses Prinzip. Es wird mit der Zeit immer detailreicher. Gerade mal durch Schlaf unterbrochen, eventuell durch eine Narkose, doch dann ist es wieder da – ein und dasselbe Ich. Über Jahre und Jahrzehnte hin, obwohl die Stoffe, die uns aufbauen, ständig ausgetauscht werden. Im höheren Alter lässt diese Fähigkeit langsam nach, auch bei schwereren Hirnerkrankungen. Und schließlich, mit dem Tod, ist das alles aus. Oder?

Die Frage nun, wo ist das Ich zuhause?
Ganz sicher nicht im Herzen, nicht im Bauch oder sonstwo im Körper. Die peripheren Organe können durch eine Transplantation ausgetauscht werden, ohne dass das Ich mitverpflanzt würde. Nur das Gehirn kommt als Produzent des Ich-Bewusstseins infrage. Aber welche seiner Strukturen sind das, welche im Einzelnen, und wie funktionieren sie? Dies herauszufinden ist Sache der Hirnforschung. Eine immense Aufgabe zwar, aber früher oder später sollte sie zu meistern sein. Möchte man meinen.
Der Autor dieses Beitrages, mein Ich also, war dahingehend viel zu zuversichtlich. Heute weiß es, wie weltweit wohl alle meine Kollegen, dass das Gehirn für seine Größe viel zu klein ist, um sich jemals wirklich begreifen zu können. Es besteht aus etwa einhundert Milliarden Nervenzellen mit jeweils zig oder hunderten oder zehntausenden synaptischen Verbindungen, in manchen Fällen sogar mit hunderttausenden. Zusammen mit anderen Zellarten, namentlich den Gliazellen, ergibt sich ein vermeintlicher Wirrwarr aus Zellgeflechten, der das produziert, was wir den Geist nennen. Gedanken und Gefühle gehören dazu, Wünsche, Wille, Vernunft, Erinnerungen, moralische Konflikte.
Die Verknüpfungsmöglichkeiten werden auf zehn hoch eine Million (101.000.000) geschätzt – bei (nur!) 1.080 Teilchen, aus denen das von uns erfahrbare Universum besteht. Die Zellen des Gehirns arbeiten allesamt mehr oder weniger parallel und ständig, sogar im Schlaf. Doch ist unser Gehirn kein Wunder, jedenfalls keines im mystischen Sinne, nein, das Evolutionsprinzip machte eine solche Ungeheuerlichkeit möglich – ein sich seit Anbeginn des Lebens über all die Generationen hin erstreckender und ständig verzweigender Selbstoptimierungsprozess.

Das Seelische ist und bleibt nun mal höchst privat
Aufschlussreich sind die Versuche mit Spiegeln. Wenn Schimpansen zum ersten Mal in ihrem Leben einen Spiegel in den Käfig gestellt bekommen, beäugen sie ihr Spiegelbild, schneiden Fratzen und drehen dem Spiegel gar ihr Hinterteil zu, um in dessen Öffnung zu bohren. Wurde den Tieren heimlich ein Farbfleck ins Gesicht platziert und sie entdecken ihn später im Spiegel, mögen sie darob erschrecken. Bald werden die so Gekennzeichneten versuchen, den Fleck durch Wischen – nicht am Spiegel, sondern in ihrem Gesicht (!) – wieder loszuwerden. Einige andere Tierarten erkennen sich offenbar ebenfalls als ein Ich im Spiegel, darunter Delfine und Graupapageien. Nicht aber der Hund, nicht die Katze. Wir, die Familie des Autors, hatten einst einen Graupapagei besessen, bis er auf Nimmerwiedersehen entflogen war. „Koko“ nannten wir ihn, und er selbst sprach auch von „Koko“, wenn er sich selbst meinte. Nur dann!

Die Frage nun, wie empfinden solche Tiere ihr Ich?

Etwa so wie unsereiner? Und wie empfindet ein anderer Mensch sein Selbst? Dem Grunde nach ist diese Frage nur für sich selbst zu beantworten. Überhaupt, wie man seine Empfindungen empfindet. Zwar kann uns ein anderer Mensch sagen, dass er sich und wie sehr er sich freut oder ärgert, dass ihn etwas stört oder kalt lässt, aber eben nur durch Worte oder Gesten, über die er an unsere eigenen Empfindungen appelliert. Überhaupt, wie empfindet der Andere Neugier oder Demut, Hunger und Durst, Liebe und Hass? Das Seelische ist und bleibt nun mal höchst privat, für Andere ist es nicht direkt miterlebbar. Selbst eineiige Zwillinge verfügen über ein ureigenes Ich, obschon sie genetisch praktisch identisch sind, miteinander in derselben Familie aufwuchsen und dabei ein und dieselben Erlebnisse und Erlebnismomente geteilt haben.


Recht gut nachvollziehbar wird das Problem anhand der Farbempfindung. Von Farbenblinden abgesehen, können wir alle Rot von Grün unterscheiden. Und sonstige Farben. Dafür gibt es in der Netzhaut des Auges spezielle Sinneszellen, diese aber in nur drei Klassen: solche für Rot, für Grün und für Blau. Bei Gelb antworten neben den Sinneszellen für die Farbe Grün auch die für Rot, und das je nach Farbton in jeweils unterschiedlicher Intensität. Allerdings ist die Bestückung der Netzhaut mit solchen Farbsinneszellen von Mensch zu Mensch verschieden. Die einen haben mehr für Rot, dafür weniger für Blau oder Grün, bei den nächsten ist es anders verteilt. Entsprechend sollten sich die Farbempfindungen von Mensch zu Mensch unterscheiden. Genau das aber lässt sich nicht ermitteln. Für die Empfindung eines gewissen „Gelbgrüns“ benutzen wir ein und dieselben Begriffe, allerdings eben ohne wirklich wissen zu können, wie der Nachbar dieses Gelbgrün sieht. Ähnlich ist das mit dem Hören von Tönen und Geräuschen, mit Hautempfindungen, Schmerz oder Signalen aus dem Körperinneren. Und genauso mit dem Geschmack eines „edlen“ Burgunders – für die einen ein Traum, für andere eine entsetzliche Plörre.

Und Roboter?
Was nicht alles können Roboter, von Jahr zu Jahr ist es mehr. Mittlerweile gibt es Roboter, die Mimik und Gestik zeigen und dadurch erstaunlich menschlich wirken. „Humanoid“ nennt man sie, menschenähnlich. So kann der Roboter „Sophia“ über 60 verschiedene Gesichtsausdrücke darstellen, kann lächeln, die Stirn runzeln oder überrascht schauen. Alles dank eines flexiblen Materials, „Frubber“ genannt, mit dem die menschliche Haut nachgeahmt wird. Man spricht von Anthropomorphismus, wenn es um die menschenähnliche Gestaltung von Robotern geht, und von Anthropomimesis, falls menschenähnliches Verhalten im Vordergrund steht. Die Entwicklungen überschlagen sich gegenwärtig. Was kommt dabei heraus, demnächst? Und ganz am Ende? Ein Ideal?
Zu bedenken ist, dass sich wir alle uns wohl nicht als ideal einschätzen. Überhaupt, da gibt es Mörder und Opfer, Krankheiten und frühen Tod wie auch Zerwürfnisse und Kriege, wo vordem Harmonie war. Wenn nicht heute, dann morgen. Da finden sich freimütige Eltern, daneben engherzige, gute Lehrer und schlechte, gute Politiker und schlechte, Wähler, die alles hinnehmen, was ihnen schlechte Politiker zumuten, und solche, die dagegen opponieren. Auch kämpfen und dabei ihre Freiheit riskieren. Oder ihr Leben gar. Wohin man schaut, ein Potpourri aus Eigenheiten, die dem Ideal jeweils ferne sind. Vielleicht sollte das Entwicklungsziel für Humanoide gar nicht das „Ideal“ sein, möglicherweise wäre ein Ausbund wundervoller Eigenschaften auch viel zu langweilig. Egoismus macht die Beziehung „menschlicher“.
Zu denken gibt die schier unglaubliche Geschwindigkeit der Entwicklung, allzumal die der künstlichen Intelligenz, der Artificial Intelligence (AI), wie es inzwischen weltweit heißt. Respekt vor all den Menschen, die auf verschiedenen Ebenen und nach unterschiedlichen Prinzipien an Konstrukten basteln, die zu verstehen wir Nicht-Fachleute keine Chance haben. Und was mit denen, die auf Roboter abzielen, die uns, die biologischen Menschen, an Leistung und Liebenswürdigkeit übertreffen? Uns immer weiter übertreffen?
Dann, bitte schön, geht es auch ohne uns!